Küchenzauber

Spätestens während der detaillierten Küchenplanung stellt der geneigte Häuslebauer fest, dass so ein Küchenkauf ja fast genau so komplex sein kann wie der Bau eines ganzen Hauses. Da hat die Küchenindustrie ganze Arbeit geleistet, uns so viele Marken, Materialien, Schranktypen, Fronten, Beschläge und Preise an den Kopf zu knallen, dass man eigentlich sofort genervt aufgeben und den Küchenberater einfach machen lassen möchte. Wenn dieser dann noch neben der ständig laufenden 98% Aktion während des Verkaufsgesprächs dank weiterer Rücksprache mit dem Chef (bedeutet: Spannung für den Küchenkäufer, Raucherpause für den Verkäufer) noch ein weiteres Prozent Rabatt und ein Topfset dazu gibt, schwebt man schon fast im Küchenhimmel. Und das für läppische Dreizähnkrampfthaußnd Euro, inkl. Aufbau und Jahresinspektion. Fehlt eigentlich nur noch die Kaufe-Drei-zum-Preis-von-Zwei Geschichte. Viele Leute schlagen dann schnell zufrieden zu und sind am Ende auch sehr glücklich mit Ihrer Küche.

Wir wählen den längeren Weg. Wir haben es uns zur Regel gemacht, nie etwas sofort zu unterschreiben. Außerdem wollen wir die Dinge dahinter weitestgehend verstehen. Denn nur so haben wir das gute Gefühl am Ende, uns richtig entschieden zu haben. Dabei geht es nicht primär um den Preis. Sondern darum, das richtige Produkt ausgewählt zu haben. Es ist wie mit dem Bankberater der Sparkasse, der vorrangig Deka Fonds verkaufen will.

Es geht auch anders. Über einen Tipp aus der Familie kamen wir zu einem sehr kleinen Küchenstudio Küchen-Design Deppe. Inhaber Silvio Deppe, ein blonder, mitunter recht lauter, aber äußerst liebenswerter Zeitgenosse ist spezialisiert auf nur einen sehr guten deutschen Küchenhersteller: Schüller. Gelegen ist sein Studio auf seinem Hinterhof. Im Vergleich zum Küchen Aktuell Palast unauffindbar klein, aber passend und modern eingerichtet. Und dann das Killerargument: Silvio entpuppte sich als echter Fachmann, der die Planung sehr genau nimmt. So haben wir einige Überlegungen durchgespielt, Fenster versetzt, Kühlschränke gegen seinen Willen unter die Arbeitsplatte gesetzt und wieder entfernt. Recht schnell erschien es uns ideal, an unserem selbst erstellten Plan weiter zu pfeilen. Das Thema Geräte war sehr zeitintensiv, obwohl wir hier nur aus den Siemens und Liebherr Fundus schöpften (inzwischen vertreibt er auch wieder Miele Geräte). Denn grundsätzlich waren uns alle Einbau-Kühlgefrierkombinationen zu klein. Auch wenn man in der Stadt wohnt, ist das Ding immer voll. Für unser Töchterchen frieren wir viele Portionen selbst gemachten Gemüsebrei ein. Schlussendlich haben wir den größten Liebherr Einbaukühlschrank samt 0° Grad Zone (empfehlenswert!) und großem 4* Eisfach (super für schnell erreichbare Dinge, wie TK-Kräuter und Eiswürfel) in der Küche und einen einfachen Tiefkühlschrank separat in der Speisekammer. Wir waren viele Male bei Silvio und hatten mit jedem Mal ein besseres Gefühl.

Viel Hintergrundwissen zur Schrankplanung haben wir geradezu aufgesaugt aus dem sehr hilfreichen Küchen-Forum. Wir können das jedem Küchenkäufer ans Herz legen, der die Planung – und damit auch den Preis – nicht komplett dem Verkäufer überlassen möchte. Oder wisst ihr, warum tote Ecken gute Ecken sind? Wer möchte, kann die gesamte Planung dort von einem unabhängigen Spezi vornehmen lassen. Auch wenn wir schlussendlich auf den Entwurf zurückkamen, den die Frau des Hauses selbst ausgetüftelt hat. Im Hinterkopf hatten wir dadurch immer die Themen Laufwege (kurz kurz kurz!), Abstellflächen (nahe Kühlschrank) und Schnippelflächen (nahe Mülleimer und Spüle). Wichtig war uns wegen der offenen Küche ein starkes Abluftsystem (Berbel) nach außen. Wir wollten keine „Fettinsel“ und über dem Kochfeld einen Schrank für Gewürze. Bei einer Standalone Dunstabzugshaube packt man die Gewürze meist unpraktisch in Schubfächern unterhalb und sieht nur bunte Deckel. Nix für die hektische Sterneküche… Wo wir gerade dabei sind: sehr lange schon war uns klar, dass wir keine Fans von Touch Bedienungen im Kochfeld sind. Erstens reagieren die Softbuttons und Slider immer so träge, dass man mit dem Finger einen Zentimeter tief ins Material bohren möchte. Spätestens mit feuchten Fingern hört der Spaß endgültig auf. Kann uns kein Küchenverkäufer weismachen, dass die Technik hier ausgereift ist. Zumindest nicht bei unseren Fingern. So haben wir zwar nun – modebedingt – leider auch ein paar (nervige) Touchbuttons, aber: pro Kochzone einen haptischen, drehbaren Knopf. Das Ganze läuft mit Magneten und nennt sich Siemens discControl.

Ergebnis der eigenen Planung mit dem ALNO Küchenplaner:

Küche12a

Nun zum Preis.

Auch Silvio wollte eine Preisvorstellung vorab genannt bekommen. Das halten wir eher für ungünstig, weil die Gefahr besteht, dass einfach ausgedrückt eine Preiskategorie zu tief geplant, aber nicht bepreist wird. Alleine durch den Wechsel optisch fast identischer Fronten können vierstellige Beträge gespart werden. Zumindest wird der Verkäufer dann wohl nie unter dem Preis landen. Auf der anderen Seite ist aber verständlich, da es wohl nirgendwo größere Preisspannen gibt als im Küchenhandel und man als naiver Käufer meist über den Preis seine Auswahl trifft.

Wir hatten schon eine realistische Ahnung, worauf es bei unseren Vorstellungen hinaus laufen wird. Durch die Wahl der teuren Studioline Geräte von Siemens war aber bis zum Schluss unklar, wie sehr Silvio über unseren anvisierten Preis gehen würde. Überraschung: der Endpreis war gut! Darüber hinaus hat Silvio uns tatsächlich die gesamte Stückliste ausgehändigt. Solch eine Transparenz ist schon ungewöhnlich. Fair Play also. Dennoch, es wäre scheinheilig zu behaupten, wir hätten zu unserer preislichen Absicherung kein Gegenangebot auf dieser Basis eingeholt: Ein Küchenstudio ließ sich gar nicht darauf ein, ein anderes war viel teurer, ein drittes hätte uns die Küche zu zum gleichen Preis, aber mit anderen (billigeren) Geräten geliefert. Wir hatten aber ohnehin nicht vor, unseren Küchenbauer zu wechseln. Wir blieben natürlich bei Silvio. Nicht nur wegen der vielen wichtigen wie zeitaufwendigen Beratungstermine. Wir hatten auch ganz klar den Eindruck, am Ende eine perfekt abgelieferte Küche zu bekommen.

Und so sollte es auch kommen. Durch die sehr gute Ausführung von Monteur René, der ebenfalls auf Schüller Küchen spezialisiert ist, haben wir eine einwandfreie, bis auf den Nanometer korrekt aufgebaute Küche erhalten. Auch möchten wir erwähnen, dass die Reklamation von zwei Schränken völlig problemlos und zu unserer Zufriedenheit ablief. (Bei so viel Lob an dieser Stelle der Hinweis, dass wir keinerlei Benefits hierdurch erhalten!)

Falls die Jungs das lesen, vielen Dank nochmal für Eure gute Arbeit! Wir freuen uns jeden Tag über unsere Küche, so, wie sie ist. Auch unser Töchterchen ist happy und kann gefahrlos gegen die niemals heiße Ofentür patschen.

Nach einem knappen Jahr konnten wir auch einmal den Gewährleistungsfall bei einem der Geräte testen. Denn unser Siemens Kochfeld bekam von alleine einen riesengroßen Riss. Direkt vor einer Party, logisch. Fast so, als wäre etwas Schweres darauf gefallen. Silvio bat uns, direkt den Hersteller zu kontaktieren, und es dauerte doch einige Wochen, bis der Monteur von BSH vorbeikam. Grund war, dass unser Kochfeld so selten und damit nicht auf Lager war. Der gute Mann hat den Schaden genauestens begutachtet und hatte es uns dann zum Glück geglaubt, dass hier wirklich nichts draufgefallen war. Sonst hätten wir ca. 350 EUR bezahlen müssen.

Gibt es etwas, was wir beim nächsten Mal anders machen würden? Die Küchenfront, eine matte Lackfront, lässt sich entgegen unserer Erwartungen verhältnismäßig schwer säubern. Vielleicht würden wir nächstes Mal an einem Muster ein paar Putztests vornehmen. Unser Motto ist schließlich, so wenig Arbeit wie möglich mit Haus und Co. zu haben. Außerdem haben wir erst zu spät an einen Seifenspender in der Spüle gedacht. Manche Spülenmodelle haben hierfür extra vorbereitete Aussparungen, wie für Abflussdreher und Armatur. Unsere leider nicht, und allen Beteiligten war ein Durchbohren durch die dicke Silgranit Spüle doch zu heikel. Apropos Spüle, die dunkle Farbe stellt einen guten Kontrast zu Kalkflecken dar. Aber das sind Peanuts, die das Gesamtbild nicht trüben.

Ergebnis:

Anstelle der üblichen dunklen Rückwand im Arbeitsplattenlook (hinter der Arbeitsplatte) hat der Herr des Hauses schließlich die Dekormodelle der Bodenfliesen anbringen lassen. Um das Gesamtbild nicht zu stören, wurde anstelle der Zierleisten auch nur eine dünne Silikonfuge gezogen. Integration gelungen, findet am Ende auch die davon zunächst absolut nicht überzeugte Hausherrin.

Fazit:

Möglicherweise ist es mit einem gewissen Risiko verbunden, einem kleinen Unternehmen den Auftrag zu geben. Gerade im Hinblick auf Anzahlung und dem viele Monate späteren Liefertermin (der übrigens auf den Tag genau eingehalten wurde). Wer aber die vielen Musterküchen im Glaspalast und den riesigen Vertriebsapparat eines großen Studios samt der wöchentlichen Zeitungswerbung nicht mitfinanzieren möchte, sollte ruhig mal nach einem kleinen, spezialisierten Studio Ausschau halten.  Und was Garantien angeht: die gibt es nach der gesetzlichen Gewährleistung eh nur vom Hersteller der Küche und den Geräten selbst. Deren Länge sollte man auf jeden Fall schon im Verkaufsgespräch klären. Stichwort Werkvertrag.

Eine Antwort zu “Küchenzauber

  1. Pingback: Küchenplanung | Wir bauen eine Stadtvilla·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s